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Dr. Thomas Zickler

Ein Arzt gibt Auskunft

Behandlungsmöglichkeiten bei Tinnitus

Dr. Thomas Zickler, niedergelassener HNO-Arzt, klärt über Tinnitus auf und geht intensiv auf die Ursachen, die Symptome, die Diagnostik und die Behandlungsmöglichkeiten ein. Praktische Tipps zur Selbstbehandlung liefert er ebenfalls.

Tinnitus ist ein sogenanntes Ohrgeräusch, das ein Patient hört, und wir oftmals die Möglichkeit haben, es nicht zu hören. Das heißt, es gibt einen subjektiven Tinnitus – das ist ein Ohrgeräusch, das nur der Patient hört, das wir nicht nachempfinden können, das wir auch nicht abhören können – und den objektiven Tinnitus, wo wir eventuell über eine Auskultation oder Abhören von irgendwelchen Strömungsgeräuschen da was mitkriegen. Wir sprechen von einem akuten Tinnitus in der Zeit von null bis zu drei Monaten und ab drei Monaten spricht man dann von einem chronischen Tinnitus. Wobei wir da noch vier Stadien unterscheiden: Stadium 1, wo ein Patient das Ohrgeräusch praktisch hört, aber nicht eingeschränkt ist damit, bis zum Stadium 4, wo das Ohrgeräusch wirklich die Oberhand über sämtliche Handlungen übernimmt.

Tinnitus kann z. B. im jungen Erwachsenenalter hauptsächlich das Kiefergelenk sein. Es können Haltungsprobleme sein, es können Medikamente sein, es kann aber auch ein Ohrproblem sein, d.h. ein Schaden am Ohr, das müssen wir halt primär in den ersten Untersuchungen klären. Hat der Patient ein Ohrproblem, hat er psychische Probleme, hat er ein Stressproblem, hat er psycho¬somatische Probleme… da müssen wir einfach unterscheiden, um zu gucken, wie können wir dem Patienten gezielt weiterhelfen.

In der Laienpresse ist es so weit verbreitet, dass man mit einem Ohrgeräusch, mit einem Hörsturz oder sonst sofort zum Arzt gehen soll. Mittlerweile lassen wir da in der Regel ein bis zwei Tage Karenz, weil viele der Probleme sich innerhalb von zwei Tagen alleine lösen, aber dann sollte man auf jeden Fall diagnostische Maßnahmen ergreifen. 

Wir müssen erstmal wirklich anamnestisch vorgehen: Seit wann ist das Ohrgeräusch, ist es immer gleich, nach was hört es sich an? Ist es hochfrequent, niedrigfrequent, haben wir ein pulssynchrones Geräusch, ist es ein Motorgeräusch, ist es ein Pfeifgeräusch, hat er des z.B. mit Problemen mit der Kopfhaltung, kann er den Tinnitus irgendwie auch verstärken, gibt es die Möglichkeit, wenn er den Kopf dreht, wird das Ohrgeräusch lauter… und dann muss man anamnestisch halt schauen, wo es hingeht.

Möglichkeiten, dass wir am äußeren, am Mittelohr, am Innenohr Probleme mit dem Ohrgeräusch bekommen, ist naheliegend oftmals Ohrschmalz. Das Ohr ist verlegt mit Ohrschmalz, der Patient hört seine eigenen Ohrgeräusche durch den Blutfluss und interpretiert das als Ohrgeräusch. Da langt es oftmals, den Gehörgang zu spülen, das Cerumen zu entfernen. Als nächstes sehr häufig sind Haare auf dem Trommelfell, die wirken wie so ein Trommelschlegel auf einer Trommel. Das hören Sie. Wenn man den Mund auf und zu macht, dann knackt es. Das nächste, was wir einfach sehen können von außen, ist, ob eventuell eine Wasseransammlung im Mittelohr vorhanden ist. Vielleicht eine Erkältung gehabt, große Gewichtsveränderungen, Gewicht verloren, da gibt es immer mal Mittelohrergüsse. Das nächste, das wir abklären, ist die Cochlea, sprich das Hörorgan selbst, das können wir mit Hörtests testen, ob das in Ordnung ist. Selbstverständlich das Gleichgewichtsorgan immer auch mitbetroffen oder kann mitbetroffen sein. Deswegen immer auch die Frage: Haben Sie irgendwelche Schwindelprobleme, und da zumindest mal eine ganz grobe vestibuläre Diagnostik. Als nächstes nochmal den Hörnerv selbst. Wenn wir da den Verdacht haben, dass an dem Hörnerv was ist oder in der zentralen Hörbahn, brauchen wir spezielle Untersuchungen, aber die kann man auch ambulant machen.
Wir machen erstmal einen Hörtest, machen dann auch eine Impedanz, wir machen eine Bestimmung des Tinnitus selbst von Seiten der Lautstärke her, von Seiten der Frequenz her. Schauen erstmal, was da ist, brauchen eventuell auch nochmal eine Sprachaudiometrie und müssen dann noch gucken, wenn wir eventuell auch den Verdacht haben, dass ein Schaden auf dem Hörnerv ist, dass man weitere, speziellere Untersuchungen brauchen, d.h. eine Hirnstammaudiometrie, das wird man auf jeden Fall in der Praxis machen. Wenn man weiterhin Probleme oder den Eindruck haben, dass da hirnorganische Sachen dran sind, sicherlich auch eine Kernspintomographie des Schädels.
Das ist nicht nur die HNO-ärztliche Untersuchung, sondern das sind sicherlich Untersuchungen des Kiefergelenks, der Halswirbelsäule… auch mal internistische Erkrankungen. Also wir brauchen praktisch alle Fachrichtungen, um den Patienten gut zu diagnostizieren und die Ursache seines Geräusches, das er hört, zu finden.

Es gibt nicht den Tinnitus, der die Ursache hat, sondern es gibt ein Ohrgeräusch mit mannigfaltigen Ursachen und wir probieren, diese Ursachen doch zu klären und dann halt auch gezielt eingreifen zu können. Wir probieren erstmal, einzustufen, woher dieses Tinnitus eigentlich kommt, woher der Patient das Problem hat. Also quasi schon gesagt, eventuell ein Bissproblem, eventuell ein Halswirbelsäulenproblem, oftmals ist es einfach ein fehlender Flüssigkeitskonsum, dass die Patienten auch arbeitstechnisch die letzten Tage nichts getrunken haben. Zu Therapie¬möglichkeiten müssen wir zuerst uns ein Bild gemacht haben, woher das Ohrgeräusch eventuell kommt, ob wir eine Idee haben, was das Ohrgeräusch auslösen könnte, dass wir dann gezielt gegenarbeiten können. D.h. bei einem – wenn ich sehe, dass der Patient einen Abfall der Hörleistung hat, dann wird man ihn primär hals-nasen-ohren-ärztlich mit Infusionstherapien und Sauerstoffgaben behandeln. Wenn der Patient, was weiß ich, einen riesen psychischen Stress hat, dann würden wir ihn auch gucken, dass wir ihn zu einem Psychiater weitervermitteln können, dass man da ein bisschen auch medikamentös gegenarbeiten kann.

Selbstverständlich kann ein Tinnitus wieder verschwinden, das ist auch bei den meisten Patienten der Fall, dass es oftmals nach wenigen Tagen oder nach ein paar Wochen von alleine verschwindet. In der Regel ist eine gewisse Gewöhnung daran, dadurch wird der Tinnitus leiser, man kann ihn besser verdrängen, man gewöhnt sich dran und irgendwann ist er überhaupt nicht mehr vorhanden. Also das ist auf jeden Fall bei den meisten Patienten so. Wir sehen ja, dass von 80 % der Patienten, die kommen am ersten Tag, wo wir eventuell eine kurzzeitige Anamnese machen oder eine Untersuchung, und sie am zweiten Tag nochmal zu einem weiteren Hörtest einbestellen, dass die das Ohrgeräusch bis dahin verloren haben.

Also der Patient selbst wird von uns natürlich instruiert, was er machen kann. Wir empfehlen bei einem akuten Tinnitus vor allen Dingen gewisse Apps auf dem Smartphone, da kann man sich eigene Melodien generieren, die das eigene Ohrgeräusch etwas verlagern. D.h. das Geräusch dieser App überlagert den Tinnitus. Damit kommen sehr viele Patienten hin. Einer meiner Favourites ist ein Zimmerspringbrunnen, der einfach nur plätschert. Das ist oftmals für Patienten soweit ablenkend bzw. das Plätschern ist lauter wie sein eigenes Ohrgeräusch. Des Weiteren ist einfach: wir gucken, dass die Patienten wirklich Entspannungstherapien lernen. Das fängt an bei Yoga, hört auf bei Progressiver Muskelrelaxation. Da bieten allerdings auch viele Krankenkassen mittlerweile sehr gute Programme in ihren Homepages an, die wir sicherlich nutzen. Was wir sehr gerne auch machen mit Patienten, wenn wir sie denn krankschreiben, dass wir auch mal sagen: „Gehen Sie mal raus in den Wald, laufen Sie auch mal wirklich durch die Blätter, hören Sie sich mal die Blätter an“, dass wir einfach dieses nach innen gekehrte Hören nach außen holen. 

Ich denke, man muss die Tinnituspatienten ernst nehmen. Man darf das nicht abtun und sagen „Tinnitus – kann man eh nichts machen, können Sie nach Hause gehen, müssen Sie sich dran gewöhnen, mit dem Geräusch müssen Sie leben“, sondern man soll die Patienten wirklich ernst nehmen und von allen Seiten wirklich gut beleuchten. 

Das Hauptproblem ist wirklich, dass Tinnitus in der Regel vergesellschaftet ist mit einem Stressproblem. Also viele Leute, die wirklich beruflich, familiär in massivem Stress stehen, klagen früher oder später über ein Ohrgeräusch. Ich probiere es immer so zu beschreiben: Sie haben Druck und irgendwann kriegt der Kessel so viel Druck, dass er irgendwann mal pfeift – und das hören Sie. Und dann müssen wir halt ein bisschen Feuer von unter dem Kessel wegnehmen.

Wie gehen Sie bei Patienten vor, die mit einem akuten Ohrgeräusch zu Ihnen kommen?

Wir probieren die Patienten sicherlich, wirklich ernst zu nehmen, denen ein bisschen die Angst zu nehmen. Denen auch mal wirklich zu sagen: „Wir warten jetzt mal langsam zusammen zwei Tage ab, schauen was sich bis dahin gibt.“ Wir werden natürlich mit Untersuchungen anfangen, aber mit der Therapie können wir uns in der Regel ein, zwei Tage Zeit lassen. In der Zwischenzeit empfehlen wir natürlich gewisse Maßnahmen wie z.B. Flüssigkeitskonsum. Ein Großteil der Patienten ist einfach „trocken“, die trinken zu wenig, die Leute. Wenn die einen Arbeitstag von 12 Stunden haben und dann rekapitulieren sie, dann waren das drei Kaffee und nichts mehr und das langt nicht. Und damit können wir oftmals diese Selbstheilungstendenz unterstützen und sind damit auch relativ erfolgreich. Natürlich: wenn nach zwei Tagen nichts passiert, muss man andere Ursachen suchen. 

Welche Bandbreite medikamentöser Therapien gibt es bei Tinnitus?

Die Bandbreite ist relativ groß. Wir als HNO-Ärzte schauen natürlich bei Hörproblemen, dass wir eine durchblutungsfördernde Therapie geben. Wir bieten den Patienten auch mal gerne ein Ginkgo-Präparat an, insbesondere, wenn die Patienten ein gewisses Alter erreicht haben, fördert Ginkgo auch die geistige Leistungsfähigkeit und reduziert oftmals das Ohrgeräusch.

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